Das Comeros-Manifest (1997)

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Zeitalter der Beliebigkeit

Wir stehen im modischen Zeitalter der Beliebigkeit. Seit über 200 Jahren hat es wohl nie mehr eine Zeit mit so wenig Orientierung und soviel Resignation gegeben wie heute. Die Utopien der Aufklärung geben sich geschlagen. Längst ist der Kommunismus zerschlagen. Der Sozialismus orientiert sich am Kapitalismus und (fast) alle meinen, wir seien nun endlich im heiteren Zeitalter der Ideologielosigkeit angelangt. Denn schliesslich gilt der gesellschaftliche Zustand des Casino-Kapitalismus in dem wir uns befinden, seltsamerweise nicht als ideologisch geprägt, sondern als faktisch, quasi naturwissenschaftlich begründet – jedenfalls unabänderlich.

Demokratische Kontrolle ausser Kraft

Multinationale Unternehmen setzen im Zeichen der Globalisierung jegliche demokratisch-staatliche Kontrolle unserer Gesellschaft elegant ausser Betrieb. Die wirtschaftlichen Kräfte hinter der Hegemonialmacht USA mit ihrer Konzentration global operierender Unternehmen sieht sich als uneingeschränkter von Gott bestimmter Richter und Ordner der Welt – ohne dass sie bereit ist, sich
irgendeiner kritischen Kontrolle zu unterziehen.

Freiheiten der Abhängigen werden abgeschafft

Die kleinen Freiheiten der Rechtlosen und Abhängigen, die sich diese während des letzten Jahrhunderts der grossen ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialismus und Kapitalismus – und letztlich nur dank diesen Auseinandersetzungen – mühsam in jahrelangen Auseinandersetzungen erkämpfen konnten, werden systematisch beschnitten, eingeschränkt oder gar abgeschafft. Ein Ende dieser Restauration ist nicht abzusehen. Und das schier unglaubliche dabei ist, dass dies von den Betroffenen stoisch und ähnlich einer Naturkatastrophe hingenommen wird: Das ist halt so, da kann man nichts machen. Mir nichts, dir nichts werden von den eh’ schon Ausgebeuteten Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung weggeworfen, für die ihre Mütter und Väter, Grossmütter und Grossväter Zeit ihres Lebens aufopfernd gekämpft haben. Und wer sich dagegen auflehnt, wird verächtlich als ewiggestriger „Ideologe“ blossgestellt.

H.G. Wells Utopie der Eloi aus der „Zeitmaschine“ ist real geworden wie nie zuvor. Mit Fussball, Seifenopern und Homestorys von Stars und Sternchen wird der verarmenden Menschheit vorgegaukelt wie glücklich sie sei und was für Chancen sie böte, solange sie ihren Tribut den Ausbeutern zollt.

Menschlichkeit und Welt gehen zugrunde

Derweilen gehen nicht nur jegliche gesellschaftlichen Vorstellungen die auf Menschlichkeit und Ausgleich bedacht waren in rasantem Tempo zugrunde, sondern gleichzeitig die ganze Welt. Umweltkatastrophen die auf den unbedachten Umgang mit den Ressourcen zurückzuführen sind, häufen sich. Die dritte Welt wird täglich ärmer, da sie mit der technologischen Entwicklung der ersten Welt schon lange nicht mehr mitzuhalten vermag und dadurch der Wert menschlicher Arbeit beständig sinkt. Der ganze Irrwitz unserer Gesellschaft wird am Börsenkasino mit seinen durch Spekulation und Irrationalität gezeichneten Ausschlägen ersichtlich.

Statt Denken, Glauben und Hoffen

Das Vakuum an glaubhaften Entwürfen zum Sinn unserer Existenz und für ein besseres Lebens führt zu einer ständig wachsenden Flucht in mystische und esoterische Vorstellungen die eilfertig von geld- und machtbesessenen Predigern verbreitet werden. An die Stelle kühler rationaler Analyse und Eigenverantwortung treten heisser blinder Glaube und Hoffnung auf jeden Strohhalm.

Glauben ist in, Denken kaum mehr gefragt.

Diffamierung jeglicher Kritik

Ideen die es wagen das alleinseligmachende Primat der Marktwirtschaft und ihre ausbeuterischen Mechanismen als einzigem gangbaren Weg für die Menschheit in Frage zu stellen, werden immer gleich als und abgestaubt diffamiert. Doch hinter der vermeintlichen Ideologielosigkeit der Herrschenden kaschiert sich nichts anderes als eiskalte Macht, Gier und Ausbeutung. Hinter einem sozusagen „naturgesetzlicher“ nicht zu hinterfragender Pragmatismus der den Umgang und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Welt bestimmen, steht die Ideologie des Rechts des Stärkeren, des Mannes. Der Pragmatismus dieser Gesetzlichkeit ist zwar hoffnungslos. Ihn in Frage zu stellen sich lohnt sich aber offenbar nicht, weil er – eben – faktisch ist. Ist es wirklich so, dass es Bestimmung ist, dass die gewaltig wachsenden Massen der Unterdrückten und Ausgebeuteten auf ewige Zeiten nichts zum Lauf der Welt zu sagen haben, dass deren Leben und
Existenz so oder so zwangsläufig je länger desto wertloser wird?

Braucht es wirklich neun Zehntel der Menschheit nicht mehr oder bloss als Handlanger, um den Shareholder-Value im Besitz des letzten Zehntels zu erhöhen?

Das „Naturgesetz“ gewaltsamer Revolution

Könnte es nicht sein, dass sich die neuen Rechtlosen und Ausgebeuteten irgendwann gegen die Ausbeuter aufrichten und diese wegfegen werden – selbst wenn dabei fünf Rechtlose auf der Strecke bleiben? War es nicht auch ein pragmatisches Naturgesetz, das vor etwas mehr als 200 Jahren in Frankreich und vor 80 Jahren in Russland blutig und gewaltsam zur Anwendung kam?

Noch ist friedlicher Ausgleich möglich

Noch ist friedlicher Ausgleich möglich. Noch bleibt die Chance, diese unsere Menschheit und ihre Umwelt zu erhalten und unserer Existenz in dieser Welt Sinn – jenseits von Ausbeutung und gegenseitiger gewaltsamer Vernichtung – zu verleihen.

Voraussetzung dazu ist, dass wir wieder bereit sind zu denken, Utopien zu schaffen, Entwürfe für ein besseres sinnvolleres Zusammenleben. Pragmatische Entwürfe, wohlverstanden, die die Konsequenzen aus dem Scheitern der grossen Utopien des letzten Jahrhunderts ziehen, Möglichkeiten und Grenzen erkennen und die wissen-
schaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit einbeziehen.

Die Zeit ist reif. Fangen wir an.

Wir sind Teil der Natur und haben ein beschränktes Bewusstsein

Wir sind Teil der Natur und haben die beschränkte Fähigkeit des Nachdenkens über unser Tun.

Wir alle ahnen, dass sich Menschheit und Welt in einer sich verschärfenden Krise befinden.

  • Wir alle wissen, dass sich die Menschheit ungehindert vermehrt.
  • Wir alle wissen, dass die wichtigsten lebensnotwendigen Rohstoffe der Welt beschränkt verfügbar sind und zur Neige gehen.
  • Wir alle wissen, das der Zugang zu den Ressourcen einseitig und ungerecht verteilt ist. Wir alle wissen, dass sich die wichtigsten Probleme der Menschheit, Hunger, Armut und Krankheit mit den bisherigen Ansätzen weder mindern, noch lösen lassen.
  • Wir alle wissen, dass sich die Menschen verschiedener Rassen und Religionen in sinnloser und grausamer Weise bekämpfen.

Wir haben Verantwortung gegenüber uns und unseren Nachkommen

Wir sind uns bewusst, dass es unsere Verpflichtung gegenüber uns selbst und unseren Nachkommen ist, uns für eine bessere Welt einzusetzen.

  • Wir glauben, dass wir nicht ganz den Gewalten der Natur preisgegeben sind.
  • Wir glauben, dass wir in engen Grenzen handelnd in das Geschehen der Welt eingreifen können und dass es unsere zwingende menschliche Verpflichtung ist, dies zu tun.

Es ist Zeit, dass wir aufstehen und handeln – Jetzt, heute und in Zukunft

Schon immer war die Hoffnung eines jeden von uns die Vorstellung einer gerechten Gesellschaft selbstbestimmter, gleichberechtigter, solidarisch handelnder Menschen.

Wir wissen, dass diese Vorstellung unerreichbar ist.

Aber wir wissen ebenso, dass wir die Berechtigung unserer menschlichen Existenz aufgeben, wenn wir aufhören nach dieser Utopie zu streben. Denn wir wissen, dass die Alternative zu diesem Streben in der irdischen Hölle und dem Elend willkürlicher, schrankenloser, unmenschlicher gegenseitiger Ausbeutung besteht.

Es ist daher nicht wichtig, ob wir etwas ändern können, sondern, ob wir uns heute daran machen zu versuchen es zu ändern.

Es ist Zeit, dass wir aufstehen und handeln – Jetzt, heute und in Zukunft.

4. April 1997

 

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