Die Entwicklung der Menschheit zwischen Ringen um Macht, Deutungshoheit und technologischem Fortschritt

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Der Entwicklungsprozess der menschlichen Geschichte ist Ausdruck eines Ringens um Macht und Deutungshoheit auf der Basis des technologischen Fortschritts.
„Fortschritt“ gibt es nur in der technologischen Entwicklung

 

Der technologische Fortschritt der Menschheit ist rational nachvollzierbar, er basiert auf den Naturwissenschaften, auf den empirischen Entscheidungszwängen von Versuch und Irrtum. Zwar wird auch in dieser Hinsicht durch menschliche Gesellschaften immer wieder versucht ideologischen „ethischen“ Einfluss zu nehmen, sei es durch die Auswahl von Forschungsgebieten, sei es durch Einschränkung wissenschaftlicher Versuchsanordnungen. Letztlich aber entscheidet immer das Erfolgspotential neuer wissenschaftlicher Verfahren über deren tatsächliche Anwendung und gesellschaftlichen Implementierung. Das Rad des technologischen Fortschritts kann höchstens vorübergehend aufgehalten aber nicht zurückgedreht werden. Dieser nahezu zwangsläufige technologische Fortschritt steht in einem dauernden Austausch und Reibungsverhältnis mit den Veränderung der menschlichen Gesellschaften und beeinflusst deren Entwicklung massgeblich.


Die menschliche Gesellschaft verändert sich irrational

Abgesehen von diesen technologischen Einflüssen entwickeln sich die menschlichen Gesellschaften irrational und „vernunftlos“. Gesellschaftliche Vorstellungen, wilde Ideologien und Utopien, verzerrt in einem irrationalen Mix aus Machtansprüchen, Gier und Ringen um Deutungshoheit, bestimmen die Entwicklung und die Geschichte des Menschen. Es ist ein ewiger Reigen sich ziellos verändender Weltvorstellungen. Der Reigen hat kein System, und die gesellschaftlichen Vorstellungen, Ideologien und Utopien wechseln permanent ihre eigenen inhaltlichen Bedeutungen. Beständig finden sprachliche Umdeutungen und Umwertungen hinsichtlich vergangener historischer Hintergründe statt. Die Demokratie wird zur Diktatur, die Diktatur zur Demokratie; Gewalt wird zu Widerstand, Widerstand zur Gewalt, je nach Optik und bestehender Deutungshoheit. Geschichte existiert nicht, sie sagt nur verschleiert etwas über die Vergangenheit aus, aber sehr viel über die Gegenwart.

Die Revolutionen der Jugend als Motor gesellschaftlicher Veränderungen

In den durchgehend patriarchalen Strukturen aller relevanten menschlichen Gesellschaften spielt die Pubertät/Adoleszenz und die damit verbundene Auflehnung der ohnmächtigen, aber vitalen Söhne gegen die mächtigen, aber entkräfteten Väter die entscheidende Rolle. Sämtliche Revolutionen und politischen Umwälzungen und gesellschaftlichen Umgestaltungen sind letztlich auf dieser Basis erklärbar. Es ist auf der unveränderbaren Basis des Patriarchats ein Wechsel zwischen weiblich-progressiver und männlich-restaurativen Wellen. Es waren Unterdreissigjährige welche die Französische Revolution ausgelöst und durchgeführt haben, genauso wie die kommunistisch Revolution in Russland. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland war ein Aufstand der Jugend, genau so wie der noch die Gegenwart prägende Aufstand der 68er in Europa und den USA und die reaktionäre konservativ-neoliberalen Veränderungen der letzten 20 Jahre. Hat eine Umwälzung Erfolg, strebt sie ein homöostatisches Gleichgewicht an, konsolidiert sich und etabliert ein neues Wertesystem, mit neuen relativ stabilen Machtverhältnissen. Mit einer späteren neuen Generation von Söhnen wird dieses etablierte Macht- und Wertesystem wiederum in Frage gestellt, es kommt zu einer neuerlichen Umwälzung und einer Umkehrung der Werte und der Machtverteilung. Wie erwähnt ist mit der Umkehrung der Werte auch immer eine Umdeutung der Begriffe verbunden. Ob gesellschaftspolitische Umgestaltungen (weiblich-)progressiven oder (männlich-)restaurativen Chrarakter haben, hängt von der bestehenden Machtstruktur der alten Garde ab. Hat diese progressiven Charakter, wird sich die Umgestaltung restaurativ ausrichten. Gerade die gesellschaftspolitische Entwicklung der letzten 20 Jahre bedeutet eine solche Umwertung im Sinne einer Restauration des Neoliberalismus und des Vor-68er-Konservativismus.

Finanzwirtschaft und militärisch-industrieller Komplex: die effektiven konstanten Machtstrukturen

Verborgen von der Öffentlichkeit und unabhängig von den geschilderten öffentlichen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen bestehen die effektiven Machtstrukturen, die sich kaum oder nur sehr langsam verändern. Sie treten kaum direkt an die Öffentlichkeit. Es sind die Finanzwirtschaft und militärisch-industriellen Komplexe der grossen Machtbereiche, vor denen schon der US-amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower am 17. Januar 1961 in seiner „farewell address“ gewarnt hatte.

Diese Strukturen, ob in den USA, in Europa, Russland oder neuerdings in China überleben die meisten Kriege und politischen Veränderungen. Heute sind sie, mindestens im nichtmilitärischen Bereich, teilweise globalisiert und entziehen sich somit wirkungsvoller Kontrollen durch Staaten. Gesellschaftliche und politische Veränderungen beschränken sich daher fast immer nur auf den öffentlichen gesellschaftlichen Diskurs. Eine Ausnahme bildete lediglich und nur vorübergehend die Russische Revolution von 1918, allerdings war Russland vor 1918 kaum industrialisiert. Die entsprechende Restauration erfolgte erst 70 Jahre später.

Der Einfluss des technologischen „Fortschritts“

In dieser Pendelbewegung zwischen Progressivität und Restauration hat der technologische Fortschritt einen grossen Einfluss, zwar weniger in inhaltlicher, vorallem aber in formaler Hinsicht. Gesellschaftliche Umwälzungen sind immer beeinflusst, ja werden ermöglicht durch neue technologische Entwicklungen und deren Implementierung in der Gesellschaft.

  • Die Französischen Revolution wäre ohne die Ausbreitung des Buchdrucks im 18. Jahrhunderts und der damit verbundenen Verbreitung des aufklärerischen Gedankenguts kaum denkbar gewesen.
  • Die kommunistischen Revolutionsversuche des 19/20. Jahrhunderts sind teilweise als Reaktion auf die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und die damit einher gehende Ausbeutung der Arbeiter zu verstehen.
  • Für den Erfolg des Nationalsozialismus in Deutschland hat der Einsatz der Presse und später der Radio und Film eine grosse Rolle gespielt (Propaganda).
  • Für die Jugendunruhen der 68er waren die Reproduktionstrechnik (Fotokopie), die Verbreitung der Schallplatte (LPs und EPs) und die neue Technologie billiger privater Radiosender von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
  • In den letzten 20 Jahren sind es die Digitalisierung, das Internet mit den sozialen Netzwerken und die Entwicklung der mobilen Telefonie die bei der gesellschaftlichen Veränderung eine zentrale Rolle spielen.


Die Gegenwart: „Betroffenheit“, Meinungsflutung, Empathie und Alexithymie

Durch die neuen Technologien von heute gelingen jegliche politische Thematisierungen innerhalb kürzester Zeit („Shitstorm“), wobei diese in der und durch die Medienflutung gleichzeitig auf Kosten der Nachhaltigkeit gehen. Es kann mit diesen Technologien zwar jederzeit sofort eine soziale Pseudonähe („Betroffenheit“) erzeugt werden, die aber ebenso schnell durch eine neue Medienflutung abgelöst wird. Die ausgelöste „Betroffenheit“ ist eine Scheinempathie, die weder Handlungen noch Folgen hat. Bezüglich des menschlichen Verhaltens entscheidend bleibt einzig das direkte soziale empathisch erlebte Umfeld des Menschen. Je weiter die physische und soziale Distanz, desto alexithymischer regiert der Mensch. Hundert Tote in Syrien betreffen uns wesentlich weniger, als die Messerstecherei vor der eigenen Haustüre.
Meinungsflutung und Informationsanarchie an Stelle gesicherten Wissens

Die Meinungsflutung durch die sozialen Medien stellen die Autorität der klassischen Medien, Presse, Radio und Fernsehen, aber auch der Wissenschaft in Frage. Anstelle patriarchaler Hierachie tritt Informations-Anarchie. Dies hat wiederum zur Folge, dass Fakten kaum mehr ideologiefrei erhoben oder vermittelt werden können. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden fortlaufend in Frage gestellt und auch mehr und mehr manipuliert, Statistische Erhebungen als weiche wissenschaftliche Erkenntnisse sowieso. Dadurch gerät die Gesellschaft in Widersprüche, die sich nicht mehr objektiv auflösen lassen, sondern nur noch über die Aneignung von Deutungshoheit oder letztlich durch deren gewaltsame Durchsetzung. „Richtig“ im Sinne der Deutungshoheit ist, was sich durch genügende Verbreitung oder ausreichende Manipulation durchsetzen kann, unabhängig von einem objektivierbaren Wahrheitsgehalt.
Das Ende der klassischen Demokratie

Anstelle von mangelnder Bildung und Wissen um Zusammenhänge tritt austauschbare, anarchische Informationsflutung. Diejenigen Personen oder Institutionen die über die Medien und Zugang zu den sozialen Kommunikationskanäle verfügen, können zwar mindestens vorübergehend die Deutungshoheit erlangen. Diese Deutungshoheiten sind jedoch fragil und werden ständig neu unterspült. Es kann bezüglich politischer Entscheide kaum mehr gesellschaftlicher Konsens, kaum mehr Einigkeit erreicht werden. Die Folge sind gesellschaftliche Verwerfungen, die demokratische Entscheide in Frage stellen und im schlimmsten Fall zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen können. Das heisst, wir werden zunehmend von der politisch-psychologischen Durchsetzung der Autorität auf die physische Auseinandersetzung zurückgeworfen. Die traditionelle Demokratie, ob direkt oder repräsentativ , ist für diese neue Form von Auseinandersetzungen nicht gewappnet, da sie einerseits auf der konsensualen Basis der klaren Unterordnung der Minorität unter die Majorität und des Schutzes der Minderheiten aufgebaut ist. Müssen hierarchische Ordnungsstrukturen dennoch gewaltsam zurück gewonnen werden, führt dies zwangsläufig zu autoritären Diktaturen in der Form manipulierter Schein-Demokratien. Dazu gehört auch die Entpolitisierung der Massen und speziell der ‚gefährlichen‘ Jugend durch social engeneering mittels Förderung von Sport und apolitischer Idolatrie auswechselbarer „Prominenz“ (‚Kim Kardashian‘).

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