Wesen, Grenzen und Paradoxie der Ideologien

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Was ist eine Ideologie?

Jeder lebende Mensch ist in seinem sozialen Umfeld mehr oder weniger bewusst durch Vorstellungen über sein Sein und die durch ihn wahrnehmbare Umwelt geprägt. Aus diesen persönlichen Wert- und den Weltvorstellungen seines sozialen Umfelds bilden sich Weltanschauungen. Diese sind zu seiner Existenz, zur Bewältigung seines Lebens, ja sogar direkt zu seinem Überleben absolut notwendig.

Weltanschauungen stiften Sinn und sie steuern das menschliche Verhalten innerhalb der gesellschaftlichen Gruppe. Sie sind damit weitgehend unabhängig von irgendeinem „objektiven“ Wahrheitsgehalt.

In sozialen Gruppen geteilte Weltanschauungen mit mehr oder weniger in sich stimmigen Wert- und Regelsystemen werden Ideologien genannt und basieren meist auf philosophischen, naturwissenschaftlichen oder religiösen Grundannahmen und Glaubenssätze. Ideologien werden meist schriftlich niedergelegt und tradiert (Bibel, Koran, Erklärung der Menschenrechte)

Wesentliche Grundannahmen von Ideologien sind beispielsweise:

  • Das Patriarchat, philosophisch-funktional, verstanden als Vorherrschaft des Mannes innerhalb von Gesellschaften.
  • Gott, Götter oder Karma, als Ausdruck eines Systems ausserhalb, bzw. über der Natur stehender und lenkender Kräfte;
  • Evolutionstheorie und die mit ihr verwandten Naturwissenschaften, als nicht weiter zu hinterfragende funktional steuernde Kräfte;
  • Der Mensch, philosophisch-funktional betrachtet, in seiner Geworfenheit als interagierender Teil der durch ihn sinnlich zwar erfahrbaren, jedoch nicht weiter verstehbaren Welt.

Von wesentlicher Bedeutung für Ideologien ist die Interpretation der Grundannahmen, die eng mit Vorstellungen zu diesen verbunden sind. Zum Beispiel Gott als jüdische, christliche oder islamische Vorstellung in den entsprechenden religiösen Ideologien (Religionen), die Evolutionstheorie als Erklärung und Begründung kapitalistischer und faschistischer Ideologien, der Mensch in seiner Geworfenheit als Basis sozialistischer oder kommunistischer Ideologien.

Selbstverständlich können sich diese Grundannahmen in der bewussten philosophischen oder politischen Ausformung einer Ideologie mit mehr oder weniger Plausibilität überschneiden. So ist zum Beispiel die Ideologie des Patriarchats eng mit Gott- und Götter-Vorstellungen verbunden. Auch lassen sich Gott-Vorstellungen durchaus mit der Evolutionstheorie verbinden, oder die Evolutionstheorie lässt sich mit der Vorstellung des Menschen in seiner Geworfenheit verbinden.
Drei wesentliche Anspruchs-Aspekte der Ideologie

Ideologien zeichnen sich durch absolutistische, universalistische und utopische Aspekte bezüglich ihres Anspruchs aus:

  • Der absolutistische Anspruch. Mit diesem sind dogmatisch gesetzte absolute „Wahrheiten“ einer Ideologie gemeint. Grundsätze und Regeln die nicht hinterfragbar sind oder nur innerhalb eines sehr engen Rahmens modifiziert werden können.
  • Der universalistische Anspruch. Damit ist der Geltungsbereich der Dogmen und Grundsätze von Ideologien gemeint, der weltweit uneingeschränkt und unabhängig von bestehenden Kulturen und diesen übergeordnet gesetzt ist.
  • Der utopistische Anspruch. Ideologien beschreiben nicht oder nur beschränkt den gesellschaftlichen Seins- oder Ist-Zustand, sondern sie richten sich teleologisch auf die Zukunft, auf einen zu erreichenden Idealzustand aus, indem alle Bedingungen und Regelungen der Ideologie ausnahmslos erfüllt sind.

Die Grenzen von Ideologien

Das bisher Erwähnte legt nahe, dass Ideologien untereinander inkompatibel sind und untereinander unauflösliche Paradoxa bilden. Dabei sind sie nicht nur gegenüber einander widersprüchlich, sondern auch weitgehend unversöhnlich, weshalb sie und damit die gesamte Menschheit diesen gegenüber in unaufhörlicher Auseinandersetzung stehen. Ideologien sind an Gesellschaften und Gruppen gebunden und widerspiegeln in ihrer Auseinandersetzung mit andern gesellschaftlichen Gruppen die Macht und Deutungshoheit dieser Gesellschaften oder gesellschaftlichen Gruppierungen. Ideologien von Minderheiten werden zwar vorübergehend geduldet, oder es werden zwischen verschiedenen ideologischen Gruppierungen (politische) Zweckbündnisse geschlossen (z.B. Katholiken und Protestanten als Christen; Religionsübergreifende Gruppierungen gegen religionsfreie Ideologien; Soziale Marktwirtschaft als Ausgleich zwischen sozialistischer und kapitalistischer Ideologie).

Aber Ideologien finden ihre Grenzen immer an anderen Ideologien. Und diese Grenzen lassen sich letztlich nur gewaltsam, durch Taktieren, Missionieren und durch Oktroyieren verändern.

 

Das Patriarchat als Basis-Ideologie der menschlichen Gesellschaft

Die einzige Ideologie die sich flächendeckend in der Menschheit durchsetzen konnte, ist die Ideologie des Patriarchats, der „natürlichen“ („gottgegebenen“) Vorherrschaft des Mannes. Sie fand ihren Ursprung in der Jungsteinzeit (Neolithikum, ca. 11’000 Jahre vor unserer Zeitrechnung) mit der Erweiterung der Jäger- und Sammlerkulturen zu Ackerbau und Viehhaltung. Mit der damit verbundenen Sesshaftigkeit entstand das Konzept des Eigentums und der damit verbundenen Ansprüche. Aus diesem Konzept entwickelte sich schliesslich aus zahlreichen Gründen um etwa 3’000 vor unserer Zeitrechnung die Vorherrschaft des Mannes. Die Ideologie des Patriarchats konnte sich, bis auf wenige ethnologische Ausnahmen, weltweit durchsetzen und bildet bis heute die Grundlage der meisten von dieser abgeleiteten Ideologien.

 

Die Ideologie der Menschenrechte

Auch die Menschenrechte basieren auf ideologischen Grundannahmen. Auch sie sind absolutistisch, universalistisch und utopistisch. Zwar versuchen sie gewisse spirituelle Grundannahmen, ebenso wie naturwissenschaftliche Grundannahmen soweit wie möglich zu Gunsten der Philosophie eines allgemeinen philosophisch-funktionalem Menschenbildes auszublenden. Aber sie setzen sich damit und gerade deshalb in Widerspruch zum Absolutheitsanspruch spiritueller Annahmen verschiedener Reli-gionen, auch des Christentums und besonders ausgeprägt zum Islam.

Deshalb findet zum Beispiel auch die Ideologie der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte von 1948, ihre Grenzen an der Ideologie der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam von 1990 und ein weltweiter Kampf um die Deutungshoheit zwischen diesen beiden Ideologien scheint unausweichlich.

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